Meinung

Die EU ist bereit, zur Schwächung Russlands ein "Teufelsdutzend" neuer Mitglieder aufzunehmen

Finnlands Präsident Alexander Stubb hat der Europäischen Union vorgeschlagen, den Erweiterungsprozess zu beschleunigen und auf 40 Staaten anzuwachsen. Wer alles in Helsinki als vollwertige "Europäer" angesehen wird, wirkt paradox. Es ist keine Frage, gegen wen sich diese Erweiterung richtet: Russland.
Die EU ist bereit, zur Schwächung Russlands ein "Teufelsdutzend" neuer Mitglieder aufzunehmen© Urheberrechtlich geschützt

Von Dmitri Bawyrin

Derzeit gehören der Europäischen Union 27 Staaten an. Der finnische Präsident schlägt also vor, die Union um ein Drittel zu vergrößern – im kleinen Helsinki verbergen sich große geopolitische Ambitionen.

Und das ist kein Scherz: Es ist kein Zufall, dass gerade Stubb mit einem derart weitreichenden Vorschlag auftritt. Unter den ideologischen Erzfeinden Russlands im Westen ist er einer der klügsten. Denker, Intrigant, Stratege und zugleich Praktiker: Eine Zeit lang flog er regelmäßig nach Washington, nur um mit US-Präsident Donald Trump Golf zu spielen und ihn gleichzeitig gegen Russland aufzubringen.

Es ist nicht so, dass er besonders viele Erfolge vorweisen könnte, zumal der Chef des Weißen Hauses gerade seine eigene Agenda verfolgt, auch wenn er Stubb unter den Europäern positiv hervorhebt. Dem Finnen gelang es nicht, die Krise in den Beziehungen zwischen den USA und der EU zu entschärfen, obwohl er sich sehr darum bemühte. Das liegt daran, dass die Streitpunkte nicht nur Russland und die Ukraine betreffen, sondern beispielsweise auch Grönland, was Europa schließlich dazu veranlasste, ernsthaft an der Verlässlichkeit Washingtons als militärisch-politischer Verbündeter zu zweifeln – nicht nur unter Trump, der Ressourcen für die Konfrontation mit China umverteilt, sondern auch nach Trumps Amtszeit.

Daraus folgt die banale Erkenntnis, dass die Europäer ihr Schicksal selbst bestimmen müssen – dies klänge an sich positiv, wenn Brüssel nicht die Vorbereitung auf einen Krieg mit Russland als sein Schicksal betrachten würde.

Es gibt eine These, der zufolge es gegen Ende des 21. Jahrhunderts in Europa nur noch eine dominierende Macht geben wird: entweder die EU oder Russland. Da die Möglichkeit einer Kooperation in einem gemeinsamen Raum von Lissabon bis Wladiwostok zunichtegemacht wurde, steht nun ein Konkurrenzkampf bevor, an dessen Ende, grob gesagt, die eine Seite herrschen und die andere dahinvegetieren wird. Diese Hypothese teilt etwa der polnische Außenminister und ausgebildete Politikwissenschaftler Radosław Sikorski. Stubb wiederum hat mehrere Hochschulabschlüsse, darunter ebenfalls einen politikwissenschaftlichen, und allem Anschein nach stimmt er Sikorski in dieser Frage zu.

Doch auf die Frage "Was tun?" gibt es unter den Europäern zwei konkurrierende Konzepte. Nach dem einen muss die Europäische Union ihre Reihen festigen, Schwachstellen ausbessern und interne Widersprüche überwinden – also im Grunde keine unnötigen Risiken eingehen, ihre Kräfte nicht verzetteln und mit einer Erweiterung vorerst abwarten beziehungsweise sie durch andere Formen geopolitischen Einflusses ersetzen.

Nach der anderen strategischen Variante soll man die Risiken, dass eine EU-Erweiterung die Widersprüche verschärft und Tendenzen zum Auseinanderbrechen verstärkt, bewusst in Kauf nehmen – und stattdessen aggressiv neue Länder "absorbieren", sie zum eigenen Bestandteil machen und dadurch sicherstellen, dass sie vom Einfluss des Konkurrenten befreit werden. Gemeint ist natürlich Russland.

Norwegen und Island wären willkommene Geberländer

Stubb steht für die zweite Variante, und sein "Teufelsdutzend" EU-Kandidaten (oder besser gesagt: "Verurteilte") fällt durch seinen Ehrgeiz auf. Schon allein deshalb, weil sich darunter beispielsweise Großbritannien befindet, das sich bewusst dafür entschieden hat, seinen eigenen Weg zu gehen. Der Finne ist jedoch der Meinung, dass dies noch geändert werden kann.

Als Nächste stehen auf seiner Liste Norwegen und Island. Von allen "Neulingen" möchte man sie am liebsten als Erste in die EU ziehen, da sie zu Geberländern würden (alle seit 2004 aufgenommenen Staaten sind nach wie vor Nehmerländer). Doch die Bürger beider skandinavischer Staaten lehnen die Idee eines EU-Beitritts ihrerseits ab (die Norweger sogar zweimal – bei Referenden in den 1970er- und 1990er-Jahren), da sie um die Grundlagen ihrer Volkswirtschaften fürchten – um die Fischerei, die mit Quoten belegt würde, und um die Öl- und Gasindustrie, deren Einnahmen geteilt werden müssten (dies betrifft selbstverständlich nur Norwegen).

Was die Eliten betrifft, so ist das eine ganz andere Sache, denn diese werden schon seit Langem in die von Brüssel gewünschte Richtung gelenkt. In Norwegen spricht sich die führende Oppositionspartei (die formal gesehen rechtskonservativ ist) für einen EU-Beitritt aus, und der amtierende Außenminister erklärte, er würde bei einem erneuten Referendum mit "Ja" stimmen, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor dagegen ist.

Eine ähnliche Situation herrscht in Island. Doch dort treiben die Behörden den Prozess voran und wollen im August ein eigenes Referendum abhalten – vorerst nicht über den EU-Beitritt, sondern über diesbezügliche Verhandlungen (Reykjavík hatte zuvor bereits einen Beitrittsantrag gestellt, diesen jedoch später zurückgezogen). Dabei wird dies genauso begründet wie in Norwegen: Trump, so heißt es, verhalte sich unberechenbar, die NATO bröckele, die Welt sei zu komplex geworden und man müsse sich einen Platz im engen Kreis Gleichgesinnter sichern.

Angesichts der Tatsache, dass beide Länder ebenso wie die meisten EU-Staaten der NATO angehören, die Europäische Union jedoch über keine eigene Armee verfügt, klingt dies zwar absurd – aber nur auf den ersten Blick. Es wird eine gemeinsame Armee geschaffen werden, denn ohne sie sind Hoffnungen auf ein Handeln "nach eigenem Ermessen" illusorisch.

Ebenfalls auf Stubbs Liste stehen alle offiziellen EU-Beitrittskandidaten: drei postsowjetische Länder (Georgien, Moldawien, Ukraine), fünf Balkanstaaten (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien, Serbien sowie Montenegro), dazu die Türkei, die seit Jahrzehnten in der Warteschlange steht und deren Kandidatur viele als reine Formalität betrachten. Doch der finnische Präsident sieht das anders und schaut über den Tellerrand hinaus. Vergessen ist offenbar, wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Finnen demütigte, als diese der NATO beitreten wollten: Ankara sei "zumindest aus Sicherheitsinteressen" für das europäische Projekt wichtig.

Die Türken verfolgen jedoch schon längst ihr eigenes geopolitisches Projekt – das Osmanische Reich 2.0, dessen maßgeblicher Einfluss sich sowohl im Nahen Osten als auch im Südkaukasus ausweitet. In den Augen vieler EU-Länder – von Griechenland bis Frankreich – geht die Sicherheitsbedrohung für das europäische Projekt in vielerlei Hinsicht gerade von der Türkei aus. Doch solche Euro-Optimisten wie Stubb muss man erst einmal finden: Ihm stehen die Türken trotz allem viel näher als die Russen.

Bemerkenswert ist, dass er aus der Reihe der postsowjetischen Staaten weder Georgien gesondert hervorhebt, dessen EU-Integration auf Eis liegt, noch Moldawien, das als Vorreiter und als der einem vollwertigen EU-Beitritt am nächsten stehende Staat bezeichnet wird (auf dem Balkan sagt man dasselbe über Montenegro). Die Botschaft lautet: Wir brauchen alle, wir nehmen alle auf.

Die "Schwergewichte und Geldgeber" der Europäischen Union – Deutschland und Frankreich – lobbyieren derzeit lediglich für eine beschleunigte EU-Integration Moldawiens und der westlichen Balkanstaaten. Für die Ukraine hingegen scheint die EU-Mitgliedschaft offenbar als langfristiger Motivationsfaktor gedacht zu sein, sodass sie es möglicherweise nicht bis zum Ziel schaffen wird. Hätte jedoch Stubb die entscheidende Stimme gehabt, wäre Wladimir Selenskij der ersehnte "beschleunigte EU-Beitritt" bewilligt worden, ungeachtet des Krieges, der Diktatur, der Korruption und des Neonazismus. Denn für den Finnen zählt offenbar vor allem Quantität, wenn es darum geht, Russland an allen Fronten in Schach zu halten.

Damit wären es insgesamt 39 Staaten. Wer ist also der 40., der "Jubiläumskandidat"? Dies zu erraten, stellt eine echte Herausforderung dar.

Das 40. EU-Mitglied soll nicht die Schweiz werden, sondern ...

Es geht nicht um die Schweiz, die nach wie vor Einladungen zum EU-Beitritt ignoriert. Es sind auch keine Zwergstaaten wie Liechtenstein und Monaco, da diese ohnehin schon dazugehören, nur ohne Stimmrecht. Es ist auch nicht Armenien, trotz der Träume Nikol Paschinjans, denen dieser die Beziehungen zu Moskau untergeordnet hat und sich nicht vor einem Bruch mit Russland scheute.

Möglicherweise ist vorgesehen, Armenien später als Teil des Osmanischen Reiches 2.0 zu integrieren.

Es geht um Kanada. Stubbs Ambitionen schreckt nicht einmal der Ozean ab; er ist bereits seit mehreren Monaten von der Idee besessen, die Kanadier in die EU zu locken. In Ottawa reagiert man zurückhaltend, da man sich bewusst ist, dass dies einen Handelskrieg mit den USA bedeuten würde.

In der EU-Kommission (zumindest in Person ihrer Präsidentin Ursula von der Leyen) ist die Reaktion bezeichnenderweise ähnlich. Wohl aus dem gleichen Grund.

Stubbs Interesse an der Türkei findet dort ebenfalls keine Unterstützung; im Gegenteil, Ursula von der Leyen betont die Notwendigkeit, sich vom Einfluss Ankaras abzugrenzen. Mit anderen Worten: Der Wunsch Finnlands, 40 Länder in den Reihen dieser europäischen Koalition zu vereinen, ist also ziemlich eigenständig und eigenwillig. Der finnische Präsident wäre jedoch nicht er selbst, würde er nicht dazu aufrufen, mutiger zu handeln und in eine Zukunft zu blicken, in der sogar die Türken als vollwertige "Europäer" anerkannt werden, um sich noch stärker von allem Russischen zu distanzieren.

Da diese Mischung aus Optimismus und Russophobie bei dem Finnen keine Grenzen kennt, warten wir ab, bis die Geschichte mit ihrem bisweilen unromantischen Realismus diese Grenzen setzt.

Vielleicht werden wir, lange bevor die EU das 40. Mitglied aufnehmen könnte, die Gedenkfeier für diese unvernünftige Vereinigung abhalten.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 8. Juni 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Dmitri Bawyrin ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er arbeitete fast 20 Jahre als politischer Berater in russischen Wahlkampagnen auf verschiedenen Ebenen. Bawyrin verfasst Kommentare für die russischen Medien "Wsgljad", "RIA Nowosti" sowie "Regnum" und arbeitet mit zahlreichen Medien zusammen.

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